Street Photography 1967-1975

1966 ging ich endgültig nach New York, um Fotograf zu werden. Nur wie? Bis dahin hatte ich als Schaufensterdekorateur gearbeitet, in Barcelona, Genf, Kanada. Mit meinen Schaufenstern hatte ich Preise gewonnen, aber fotografi sch hatte ich nichts vorzuweisen. Ich war 30 Jahre alt, ein Amateur mit einer Leica um den Hals. Aus „Vogue“ und „Harper’s Bazaar“ kannte ich die Namen von Modefotografen, deren Studioadressen ich mir aus dem Telefonbuch abschrieb. So lief ich durch Manhattan, auf der Suche nach einer Assistentenstelle.

Ich kam im Kolpinghaus in der East 88th Street unter, einer Bleibe für junge Männer mit wenig Geld. In einer Kneipe um die Ecke gab es eine Schüssel Suppe für 50 Cent. Dort aß ich oft. Die Stadt war grandios. Nachts verwandelten sich riesige Gebäudeblöcke in schwebende Lichtquader. An den Wochenenden lief ich auf Motivsuche durch Manhattan. Nur ein paar Blocks entfernt vom großzügigen, modernen Midtown gelangte man in dunkle Höfe, in denen sich Wäscheleinen von einer Backsteinwand zur anderen spannten und Kinder Ball spielten. Diese krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich, zwischen Pompös und Hinterhof, das Tempo, die Geräuschkulisse, die Menschenmassen, die aus den U-Bahn-Schächten kamen – alles war mächtig. Und ich war ein Nichts. Trotzdem habe ich mich in keiner anderen Stadt je so zu Hause gefühlt, außer vielleicht in Landshut, wo ich meine Kindheit und Jugend verbrachte.

Oft stand ich einfach nur an einer Ecke und schaute die Leute an. Eigentlich war ich viel zu gehemmt, um Menschen zu fotografieren. Aber in New York überwand ich mich doch – so viele schräge Typen, verrückte Frisuren, ausgefallene Hüte, schöne Strümpfe ... Jeder versuchte, etwas aus sich zu machen.

Der größte Teil meiner Fotos aus der New Yorker Zeit existiert nur auf Kontaktbögen. Fast alle hier gezeigten Bilder stammen aus einer Zeit, in der ich noch nicht die Vorstellung hatte, jemals Fotograf zu werden. Mit Filmen war ich knauserig. Von vielen Motiven machte ich nur eine einzige Aufnahme. Betrachte ich heute meine Kontaktabzüge von damals, denke ich, dass diese erzwungene Konzentration auch ihr Gutes hatte.




 

Beim Fotografieren in Brooklyn, 1969